Die SDXF in der «Schmiede der Schweizer Zeit»

Gut 35 Mitglieder und Freunde der Swiss DX Foundation hatten das Sendezentrum Prangins VD als Treffpunkt für ihr jährliches DXer-Treffen gewählt. Um es vorweg zu nehmen: Wer am Samstagnachmittag im Sendezentrum noch jede Menge glühende Röhrensender mit ordentlich Leistung erwartet hatte, der wurde ein klein wenig enttäuscht. Doch der Reihe nach.

Die Begrüssung der Anwesenden erfolgte durch SDXF-Präsident Stephan Walder, HB9DDO im neuen Gemeindesaal Coinsins, wo man ein gemeinsames Mittagessen einnahm und anschliessend zum nahen Sendezentrum Prangins fuhr. Hier begrüsste Gottfried Gasser, HE9VGV die Gäste in «seinem Sendezentrum». Gottfried ist der letzte verbliebene Angestellte in Prangins und nennt sich selbst den «Sendeklempner von Prangins». Er überwacht die Antennen und Sendeanlagen von Bern Radio HEB im Auftrage der Swisscom, die Anlagen des Zeitzeichensenders HBG im Auftrage des METAS (Bundesamt für Metrologie) und das Gebäude des Sendezentrums im Auftrage des Bundesamts für Bauten und Logistik BBL.

«Le Petit Versailles»

Das kleine Versailles nennt Gottfried das vierstöckige Gebäude mit den 15 Büros, der grossen Gemeinschaftsküche, Aufenthaltsraum, Werkstatt. Mit Enthusiasmus und viel Liebe führte er die DXer durch das – bis auf die wenig verbliebenen Sendenlagen – schon seit den neunziger Jahren komplett leerstehende Gebäude.

1928 wurde die Schweiz vom damaligen Völkerbund in Genf (Vorgängerorganisation der heutigen UNO) angefragt, ob man nicht ausserhalb von Genf ein leistungsfähiges Sendezentrum errichten könne. Dieses sollte eine unabhängige und direkte Verbindung mit den Mitgliederstaaten gewährleisten und wurde 1931 eröffnet. Die Station umfasste zunächst einen Langwellensender für die Radiotelegrafie und zwei Kurzwellensender (je 20 kW) für Radiotelefonie und Rundfunk. Hieraus wurde die international agierende Küstenfunkstelle Bern Radio HEB.

1966 kommt dann der Zeitzeichensender HBG auf 75 kHz hinzu. Dessen Antenne wird an den zwei 125 Meter hohen, geerdeten Stahlfachwerktürmen der ursprünglichen Langwellenantenne aus dem Jahr 1931 aufgespannt.

Amateurfunktechnik für HEB

Zwar sind die ursprünglichen 10-kW-Röhren-Sendeanlagen von Bern Radio HEB aus den 1960er-Jahren noch in der Halle 1 des Zentrums zu sehen, doch sie sind schon längst nicht mehr in Betrieb. Statt dessen wurden sie durch moderne – Amateursende- und Empfangsgeräten ersetzt. So stehen an der einen Wand des Saal 1 zwanzig Stück IC-718, welche von je einem SEC-1223 bzw. SEC-1235 mit Strom versorgt werden. Für die Verstärkung der Sendeleistung auf 400 Watt sorgt eine gleiche Anzahl von ACOM-2000-Endstufen. Draussen vor dem Gebäude steht eine ganze Reihe von verschiedenen leistungsfähigen Monoband- und LogPeriodic-Antennen, welche die PACTOR-Signale von HEB in die ganze Welt hinaustragen.

Prangins VD: Die «Schmiede der Schweizer Zeit»

Im Sendesaal 1 steht auch noch der erste Sender der Zeitzeichenstation HBG aus dem Jahr 1966. Dieser ist auch nicht mehr betriebsbereit. Er wurde schon vor einigen Jahren durch den heutigen, moderneren 25-kW-Sender ersetzt und steht im Sendesaal 2 – zusammen mit der eigentlichen Schmiede und dem Herzstück der Schweizer Zeit, der HBG-Cäsium-Uhr und dem GPS-Modul zum Abgleich des Zeitsignals. Diese Geräte stehen in einem HF-dichten Metallschrank neben dem Sender.

Wind und Wetter beeinflussen Zeitgenauigkeit

Die weithin sichtbare Antenne von HBG bilden die zwei Stahlfachwerktürme – wobei jedoch nicht die vier 190 Meter langen horizontal gespannten Kupferdrähte strahlen, sondern die an beiden Seiten schräg hinabhängenden und parallel gespannten Draht«schläuche». Diese bestehen aus jeweils vier Drähten und laufen am Boden im Variometerhäuschen zusammen. Hier drin steht die mehrere Meter hohe Abstimmspule, welche die Antenne auf 50 Ohm halten soll.

Doch gerade bei der oft vorherrschenden Bise oder starkem Wind ist dies nicht immer so einfach. Und gerade die durch den Wind schwingenden Antennendrähte beeinflussen die Genauigkeit des Zeitsignals. Zwar produziert die Cäsiumuhr drinnen im Sendegebäude zwar ein Signal, welches auf 3 000 000 Jahre nur um eine Sekunde abweicht, doch das draussen von der Antenne abgestrahlte Signal hat aufgrund der äusseren Einflüsse «nur» eine Genauigkeit von 40 Mikrosekunden.

Fotoalbum
Sendezentrum Prangins VD, 10. September 2011

Besuch der SDXF im Sendezentrum Prangins VD am 10. September 2011

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Kunden schwinden – HBG wird abgeschaltet

Gerade einmal etwa 4000 Instititutionen, wie Kirchturmuhren, Labore, Bahnhofsuhren und militärische Einrichtungen nutzen das HBG-Signal nur noch aktiv. Aus diesem Grund beschloss der Bundesrat im Jahr 2009, die Aussendung des Zeitzeichensignals HBG auf Langwelle nach 45 Jahren Dienst zum 31.12.2011 einzustellen. Die eigentlich dringenden Sanierungskosten für Antennen und vor allem das Gebäude würden sich bei weitem nicht mehr lohnen, so der Bundesrat in seiner Mitteilung zur Senderabschaltung.

In der Tat ist das Gebäude stark sanierungsbedürftig – und machte auf die Besucher einen teilweise ziemlich trostlosen Eindruck. So sind an vielen Stellen Feuchtigkeitsschäden zu sehen, an den Wänden fällt schon der Putz herunter und auch der Bodenbelag weist in vielen Räumen Risse und Wasserflecken auf. Begründet wird der Leerstand des Gebäudes unter anderem mit den viel zu hohen Strahlungswerten der Antennen. Die Schutzgrenzen wurden spätestens mit der neuen und strengeren EMV-Schutzverordnung von 2002 nochmals um ein vielfaches überschritten.

Somit rechnen sich die Sanierungskosten für das Gebäude nicht mehr und auch die Antenne war schon einmal gefährdet. Rost hatte ihr zugesetzt und nur durch den engagierten Einsatz von Gottfried Gasser konnte verhindert werden, dass die Antenne von HBG schon vor einigen Jahren einstürzte.

«Sendeklempner von Prangins» weiter im Dienst

Ein wenig peinlich sei es ihm schon, dass das Gebäude inzwischen einen ziemlich trostlosen Eindruck mache. Und generell würden sich nur noch wenige Leute für das Sendezentrum Prangins interessieren, erzählt er. Deshalb sei für ihn jeder Besuch einer engagierten Gruppe, wie der von der SDXF, immer wie ein Festtag.

Auch wenn Gottfried Gasser die Abschaltung von HBG innerlich sicher weh tun wird, eine Sendelizenz will der passionierte Hochfrequenztechniker trotzdem nicht haben. Mit den Anlagen von Bern Radio habe er doch noch genug Sender im Haus, sagt Gasser.

So schliesst Gottfried Gasser am späten Samstagnachmittag auch mit ein wenig Freude und Stolz das Gebäude nach dem Besuch der SDXF ab. Für dieses Mal – spätestens am Montag schaut er im «Petit Versailles» schon wieder nach dem rechten. Und auch nach dem 31. Dezember wird er nicht arbeitslos – Bern Radio sendet ja weiter …

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