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Psychologe des Verbrechens

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Eine neue Dostojewski-Biografie bringt uns nicht nur das Werk dieses Klassikers näher, sondern auch eine Zeit, als die russische Intelligenzija in Hassliebe mit Europa verbunden war.

Porträtaufnahme von Fjodor Michailowitsch Dostojewski aus dem Jahr 1879. Foto: Akg-Images

Klar, es gibt auch kritische bis vernichtende Urteile über Dostojewskis Werk. «Für so einen Mist habe ich einfach keine Zeit», meinte Lenin, und Sigmund Freud warf dem Schriftsteller vor, es versäumt zu haben, «ein Lehrer und Befreier der Menschen zu werden, er hat sich zu ihren Kerkermeistern gesellt». Die überwiegende Mehrheit der Leser und Literaturhistoriker aber hält Fjodor Michai­lowitsch Dostojewski (1821–1881) für einen der grössten Schriftsteller, dessen «böses Genie», wie Maxim Gorki schreibt, die dunkelsten Ecken des Daseins ausleuchtete.

Weder politische noch moralische Bedenken konnten Dostojewski davon abhalten, den niedrigsten Motiven seiner Protagonisten mit epischer Ausdauer und dramaturgischer Präzision zu folgen. Er sah den Menschen – wie sich selbst – als einen Getriebenen und Verfolgten. «Jagst du die Natur zur Tür hinaus, kommt sie durchs Fenster in dein Haus», besagt ein russisches Sprichwort, das in den «Brüdern Karamasow» zitiert und an anderer Stelle paraphrasiert wird: «Alles, was anormal, was gegen die Natur ist, rächt sich am Ende.» Bei Dostojewski rächt sich vieles am Ende.

«Liederliches Leben»

Dostojewski lebte ein Leben der Extreme. Als er mit 24 Jahren den Briefroman «Arme Leute» publiziert, wird er auf einen Schlag berühmt und nicht nur in St. Petersburg, der Hauptstadt des Russischen Reiches, als neuer Stern am Literaturhimmel gefeiert. Nur drei Jahre später wird er als Sozialist verhaftet, zum Tode durch Erschiessen verurteilt und in allerletzter Minute begnadigt. Ihn erwarten zehn Jahre Verbannung in Sibirien: Die eine Hälfte verbringt er im Zuchthaus, die andere als gemeiner Soldat.

Bei seiner Rückkehr ist aus dem «Sozialisten der Vierzigerjahre ein glühender Patriot und bekennender Verehrer des Zaren geworden», schreibt Andreas Guski in der ersten deutschsprachigen Dostojewski-Biografie seit über 20 Jahren. Der emeritierte Professor für Slawistik an der Uni Basel zeichnet diese Entwicklung mit viel Sachkenntnis und psychologischem Geschick nach.

Dostojewski wusste, dass er sich keine weiteren Probleme mit dem Zaren leisten durfte – zumal er, kein pflegeleichter Charakter, mit sich selbst schon genügend zu kämpfen hatte. «Ich führe nun mal ein liederliches Leben», begründet er in einem Brief an seinen Bruder Michail seine hohen Ausgaben. So wie er die Oper oder das Theater besuchte, so ging er in Bordelle und Casinos, wo er das Geld, kaum eingenommen, mit vollen Händen wieder ausgab. Auf seinen Reisen durch Deutschland, wo das Glücksspiel im Unterschied zur Heimat erlaubt war, stiess er auf ein «grobes und ungeschlachtes Volk». Zuwider war ihm auch der Protestantismus, dessen Ordnungssinn und strenge Rationalität die für die Kreativität notwendige Leidenschaften abtöten würden. Ihn interessierte das Gegenteil: der Exzess und der Kontrollverlust.

Das Abnormale gedieh prächtig

Die Psychologie des Verbrechens wurde seit den «Aufzeichnungen aus dem Totenhaus» von 1862 das Revier von Dostojewski. Sein Biograf erkennt bei dessen Figuren gar ein «Verbrecher-Bestiarium». Das Abnormale gedieh prächtig in einem Milieu, das wirr und chaotisch, nicht klinisch sauber war. Dostojewski kannte sich aus, nicht zuletzt, weil er in sich selbst Leidenschaften und Mächte spürte, die ihm regelmässig über den Kopf wuchsen. Dass der Mörder Raskolnikow in uns allen steckte – das ahnte sein Schöpfer.

Andreas Guski spannt einen weiten Bogen von den biografischen Stationen über die einzelnen Werke bis zur Geschichte. Mit Deutungen geht er umsichtig vor: Weder zieht er Parallelen zwischen Leben und Werk noch konstruiert er Kausalitäten. Vielmehr weist er auf Plausibilitäten hin. So etwa zeigt er eindrücklich, dass Dostojewski das Risiko brauchte, um seelische Ressourcen zu aktivieren, die sich ihm anders nicht erschlossen hätten: Wie im Spiel setzte er auch im Leben alles auf eine Karte, so etwa mussten ihm Verleger allerletzte Drucktermine für seine Manuskripte durchgeben. Eine wesentliche Antriebskraft seines Schreibens war die stets drohende Gefahr des Scheiterns. Der Verfasser von Klassikern der Weltliteratur wie «Schuld und Sühne», «Die Brüder Karamasow» oder «Die Dämonen» war überzeugt, dass sich «eigentlich erst im Unglück die Wahrheit enthüllt».

Religion versus Kapital

Gerade in diesen Tagen, wo die Weltöffentlichkeit nach Russland schaut, ist es interessant zu lesen, wie und wieso sich Dostojewski von Europa und dem Westen absetzte. Ähnlich wie Rainer Maria Rilke ein halbes Jahrhundert später sieht der Autor den Glauben durch materielle Interessen bedroht. Die Heilige Schrift, vor allem das Neue Testament gelte es zu verteidigen gegen die Anfechtungen des modernen westlichen Lebens. «Ungeachtet aller späteren Zweifel und Glaubenskrisen wird sich Dostojewski seine Kinderfrömmigkeit bis ans Ende seines Lebens bewahren», schreibt Guski. Selbst die Errungenschaften der Aufklärung galt es unter diesem Aspekt kritisch zu hinterfragen. Die Abkehr Dostojewskis von einem aufklärerisch gesinnten Sozialisten, der die Leibeigenschaften der Bauern bekämpft, hin zum orthodoxen Russophilen zeigt ein typisches Muster: Obwohl Russen wie er Europa kennen (und schätzen), geben sie der im Glauben verankerten Slawenwelt den Vorzug. So entsteht eine besondere Form von Selbstbewusstsein, die sich von anlehnender Ablehnung nährt.

Während der westlich geprägte Kapitalismus, so Dostojewski, die Individuen einander entfremde, locke der Osten mit einer Spiritualität, welche die Gemeinschaft und Solidarität hochhalte. Wahre Brüderlichkeit liege genauso wenig in der Natur des westeuropäischen Menschen wie Kapitalsucht in jener der Russen. Auch wenn sich solche Aussagen mit zunehmendem Alter häuften, hat ihn die Einsicht, «nicht zur Kategorie der solide lebenden Menschen zu gehören», davor bewahrt, ideologisch korrekte Romane zu schreiben. Im Gegenteil: Seine Überzeugung, dass das Leben sinnvoll werde erst durch den Glauben an ein Jenseits, konnte seine tragischen Helden von ihren besinnungslosen Taten nicht abbringen. Mord und Totschlag, Neid und Missgunst, Armut und Glückspiel treiben sie an – und faszinieren gerade deshalb, weil sie keine Tugendholde sind.

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