Startseite > Zürich > Die Mär vom Tier im Ohr

Die Mär vom Tier im Ohr

admin

Illustration: Eva Kläui

Da bohrt sich etwas in die Gehörgänge und arbeitet sich vor bis tief in die Hirnregionen, um sich dort unbefristet einzunisten. So mancher dieser Ohrwürmer wird unter Titeln wie «Lambada» (1989), «Mambo No. 5» (1999) und «Bring en hei!» (2006) zum Sommerhit, der sich wie ein Grippevirus ausbreitet und zusammen mit seinem Geburtsjahr untrennbar im Gedächtnis verankert. Wie sehr das auch für das Mundartlied «079» gelten wird, das seit Monaten die hiesigen Hitparaden anführt und schon als grösster helvetischer Hit aller bisherigen Zeiten gilt, wird sich weisen.

Schauerliche Mythen

Aber halt! Das ist keine Musik-, sondern eine Tierkolumne zu der Kreatur, nach der die hitverdächtigen Songs benannt sind: Der Gemeine Ohrwurm, ein auch in Zürich verbreitetes Insekt, verdankt seinen Namen schauerlichen Mythen. Die nachtaktiven Tierchen sollen sich gemäss Volksglauben ins Ohr des schlafenden Menschen schleichen, dort mit der Zange das Trommelfell durchschneiden, um im Hirn die Eier zu deponieren und nebenbei noch etwas Blut zu trinken. Dass nicht nur das Gehör dabei Schaden nimmt, kann man sich lebhaft vorstellen. Da erhalten wir noch lieber einen Floh ins Ohr gesetzt als diesen Ohrenmüggler oder -grübler, wie dieses Tier, das sich tagsüber gern an feuchten Orten versteckt, hierzulande auch geheissen wird.

Manchenorts ist oder war man laut dem «Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens» gar überzeugt, die Biester würden sich in allen erdenklichen anderen Körperöffnungen einnisten. Das wollen wir hier nicht im Detail vertiefen. Und sowieso entspringen all diese Vorstellungen ja nur der menschlichen Phantasie, die einst Gehörgänge auch von Dämonen oder Schutzgeistern bewohnt wähnte und allzu gerne das Gute ins Böse verdreht oder umgekehrt.

Der aufgeklärte Mensch hat diese lebenden Fossilien, die es schon seit über hundert Millionen Jahren gibt, ja jedem Anflug von Ekel zum Trotz längst als Nützlinge rehabilitiert. Dies nicht in pulverisierter Form wie im Mittelalter, als sie als Mittel gegen Ohrenleiden galten, sondern als Schädlingsvertilger: Ein einziger Ohrwurm vermag in einer Nacht über hundert Blattläuse zu fressen. Deshalb siedeln manche ihn bewusst im Garten an, wenngleich er sich gern auch an Früchten zu schaffen macht.

Vom Wert der Zange

Der bräunliche Leib ist mit sechs gelblichen Beinchen ausgerüstet – und mit kurzen Flügeldecken, die allerdings mühsamer zu entfalten sind als jeder Paraglider. Deshalb beweist das bis zu zwei Zentimeter lange Insekt seine Flugkunst kaum je. Auffälligstes Merkmal ist ohnehin die Zange am hinteren Ende. Beim Männchen mehr, beim Weibchen weniger gekrümmt, kommt sie nicht beim Heimwerken zum Zug, sondern bei der Selbstverteidigung, der Jagd und der Paarung. Diesem Körperteil verdankt das lichtscheue Tier auch so manche der Dutzenden von Bezeichnungen, die der Volksmund im deutschsprachigen Raum ersonnen hat, vom «Ohrenkneifer» bis zum oberbayrischen «Ohrhöhler».

Nur manchmal fragt sich der moderne Mensch, ob da nicht doch etwas dran sei an der Mär mit dem nächtlichen Eindringen in Ohr und Hirn. Wie sonst erklärt es sich, dass uns Melodien der Ohrwürmer von längst vergangenen Sommern morgens unter der Dusche oft wie von selbst aus dem Mund perlen?

Leave a Comment

Your email address will not be published.