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Halsbrecherische Anmut

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(Illustration: Eva Kläui)

Man stelle sich vor, dieses Tier wäre hier so selten wie der Delphin: Was würden die Leute staunen und rufen, wenn so ein Schwan über die Limmat glitte! Dieses weisse Federkleid, als schritte er zum Traualtar, die mächtigen Flügel mit über zwei Metern Spannweite, der geschwungene Hals von der Eleganz einer Jugendstillampe, die majestätische Haltung, die man leicht auch als Überheblichkeit interpretieren kann: Das sind Insignien eines Herrschers.

Nicht umsonst stand dieser Vogel, zuerst als Schmuck an die europäischen Höfe geholt und dann als Fleisch- und Daunenlieferant hoch gehandelt und entsprechend gern gejagt, einst unter hoheitlicher Protektion. In England tut er das noch immer. Wir Schweizer aber konnten mit Monarchen noch nie viel anfangen, und die Schwäne, die Seebecken und Fluss bevölkern, gehören zu Zürichs Inventar wie die blauen Trams. Man nimmt sie hin als schwimmende Zier und beklatscht sie höchstens, wenn sie auf der Opernbühne tanzen und sterben im Dienste der Hochkultur.

Bei den realen Exemplaren handelt es sich hierzulande um Höckerschwäne, deren Name keinem Buckel, sondern der Schnabelform geschuldet ist. Die Zürcher Population gründet auf einem Pärchen, das 1925 im See ausgesetzt wurde, wie dem im Haupt-Verlag erschienenen Buch «Stadtfauna» zu entnehmen ist. Jahr für Jahr brüten hier ein paar Dutzend der Tausende Exemplare, die im ganzen Lande leben. Zu viel seien es, heisst es, so dass einige Kantone mittlerweile die Vermehrung eindämmen.

Die Paare bleiben nicht nur ein Leben lang zusammen, sie teilen sich auch die Aufgabe des Nestbaus und haben die Gleichstellung so weit vorangetrieben, dass sie äusserlich kaum geschlechtertypische Unterschiede aufweisen. Gemeinsam verteidigen sie, vom Dichter Hölderlin doch als hold gepriesen, ihr Territorium und ihre Brut bis aufs Blut in der warmen Jahreszeit, in der sie die Jungen aufziehen. So mancher Zürihund, der zu nahe an ihren Nistplatz schwamm, hat sich schon eine blutige Nase geholt. Dass sie aber Badegäste, denen nichts Böses schwant, aufs Übelste drangsalieren wie einst das Exemplar mit Übernamen «Iwan der Schreckliche» im Bodensee, ist eher eine Seltenheit.

Viel eher werden diese den Gänsen zugerechneten Entenvögel hier selbst zu Opfern: Mindestens zehnmal jährlich rückt die Seepolizei aus wegen nach Kollisionen verletzter oder gar verendeter Schwäne, namentlich auf der Quaibrücke mit ihren Fahrleitungen und dem Autoverkehr. Dieses Wochenende aber werden die Love-Mobiles über diese Brücke ziehen und die Schwäne den Rummel und Lärm der Street Parade mit ihrer stoischen Ruhe ertragen, als ginge sie das gar nichts an. Und die Raver umgekehrt werden diese Prachtsexemplare als selbstverständlich hinnehmen.

Es sei denn, eine dieser Kreaturen rausche aus der Luft halsbrecherisch über dem Wasser heran, begleitet vom typisch pfeifenden Geräusch und im Höllentempo, die kurzen Beine im letzten Moment streckend wie ein Fahrwerk, so dass sie auf Patschfüssen über die Oberfläche gleitet fast wie ein Surfer auf dem Brett und eine Bruchlandung verhindert, die noch vor wenigen Sekunden unvermeidbar schien. Dann ahnen wir, welch ausserordentliche Spezies das ist.

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